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Keine Spielereien – Marta im mica-Interview

Marta spielen Rock´n´Roll, der den dreckigen und räudigen Garagen-Sound zelebriert, dabei aber auch die eingängige Pop-Melodie nicht außer Acht lässt. Ihr Debut-Album haben sie in einer nur zweitägigen Aufnahme-Session eingespielt. Mit dem mica sprachen Paul Plut (Gesang, Gitarre) und Julia Hager (Lyrics) über stille Teilhaberschaften, Kriegsschiffe und stimmliche Pseudonyme. Das Interview führte Markus Deisenberger.

Paul, Du bist hauptberuflich, wenn man so will, Teil des Elektronik-Pop-Projekts „Viech“. Wie kommt man da auf die Idee, mit einer anderen Formation solch ein hartes, auf das Wesentliche reduzierte Rock-Album aus dem Ärmel zu schütteln?
Plut: Aus persönlichen Vorlieben heraus. Viech gibt einen klaren Pop-Kontext vor. Da würde der Blues-Akkord nie reinpassen. Deshalb war es mir wichtig, beide Dinge streng voneinander zu trennen. Hier deutsche Texte, Pop und Elektronik, da Blues und Rock´n´Roll mit eigenwilligen englischen Texten.

Auf Blues wäre ich jetzt gar nicht gekommen…
Plut: Vielleicht ist Blues auch übertrieben. Jedenfalls wäre das der Anspruch gewesen. Vielleicht geht die Musik aber einen Schritt weiter.

Wie habt ihr beide euch gefunden?
Hager: In Graz kennt man sich schnell mal. Auf einem Viech-Konzert sind wir ins Gespräch gekommen. Und ich hab Paul dann gleich mal Texte geschickt.

Plut: Ich wusste, dass Julia tolle Texte schreibt und hab mir deshalb von Anfang an vorstellen können, dass das mit ihr als Partnerin klappen könnte, weil es grundsätzlich besser ist, dass ich mich auf die Musik konzentriere und die Texte von jemand anderem kommen.

Ungewöhnlich finde ich das trotzdem. Gerade eine Musik wie die eure lebt doch davon, dass sie sehr unmittelbar und direkt rüber kommt. Jede Nummer wirkt wie ein Ausbruch, als müsse das musikalisch wie textlich so und nicht anders gesagt werden. Der Text kommt nun aber von jemandem außerhalb der Band…
Hager: Schon, aber es sind nicht zwei völlig verschiedene Dinge, die miteinander kombiniert werden, sondern die Songs entstanden schon aus einem gemeinsamen Schaffensprozess heraus.

Wie kann man sich das vorstellen?
Hager: Ich schicke Textvorschläge, Paul pickt sich was raus, woraufhin ich in dieser Richtung weiter mache und so weiter und so fort.

Ein Bandgefüge, in dem es einen stillen Teilhaber gibt?
Plut: Naja, dadurch, dass wir – Julia und ich – in einer Beziehung leben, ist der Austausch schon deshalb tiefer gehend.
Hager: Natürlich gerät man manchmal auch in eine Sackgasse, aus der man sich dann wieder raus kämpfen muss…

Apropos Sackgasse: Gerade die Musik, die ihr macht, birgt ja auch die Gefahr in sich, dass man schnell ins Klischee greift. Wie verhindert man das?
Plut: Gute Frage. Es kam schon vor, dass es zu viel war, das heißt mit einem zu deutlichen Augenzwinkern, einer zu großen Verbeugung vor den Helden versehen war.

Und was war es dann, was da durchklang?
Plut: Tom Waits, das gibt einfach die Stimme vor. Und Jack White. Die zwei vor allem.

Und andere Gitarre-Schlagzeug-Duos wie etwa die Japandroids?
Plut: Die hab´ ich live gesehen und finde sie gut, aber die bedienen doch eher die punkige Richtung, die nie so meines war. Die alten Black Keys vielleicht noch. Die fallen mir noch ein.

Wie kamst Du dann konkret auf Günther Paulitsch als Deinem Partner am Schlagzeug?
Plut: Ich wollte immer einen Schlagzeuger, der ungewöhnlich spielt und einen sehr eigenen Stil hat. Und das war einfach er. Wir haben drei Mal geprobt und dann in zwei Tagen das ganze Album aufgenommen. Ein Schnellschuss.

Wieso ging das so schnell?
Plut: (lacht) Weil er so gut ist. Ich musste ja üben. Aber er kommt einfach, fragt, was anliegt, und legt los, als ob er das immer schon im Kopf gehabt hätte.

Wollt ihr diese Schnelligkeit, die sicher auch für die Rauheit mitverantwortlich ist, so beibehalten oder es ähnlich handhaben wie die Black Keys, die ja mittlerweile von einem Duo zu einem Quartett anwuchsen und auch ihren Sound, wenn man so will, „professionalisiert“ haben?
Plut: Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Je nachdem wie das Album angenommen wird. Toll wäre es schon, das auf der Bühne weiterhin zu zweit zelebrieren zu können. Bei den Black Keys lag es sicher daran, dass die Bühnen irgendwann so groß wurden, sodass sie sich mit einem Quartett einfach besser aufgehoben fühlten als mit einem Duo.

Wer spielt eigentlich den Bass, den man auf dem Album hören kann?
Plut: Christopher Frank, der das Album aufnahm, und ich. Ich habe mich zwar immer dagegen gewehrt, aber wir haben den Bass stark in Richtung Gitarre verzerrt.

Wieso gewehrt?
Plut: Weil es auf Platte so klingen soll wie live und umgekehrt.

Wie funktioniert das nun live? Wer spielt da die Bass-Begeleitung?
Plut: Ich spiele die Gitarre über einen Bass- und einen Gitarrenverstärker gleichzeitig – so wie das etwa die Japandroids auch machen. Vielleicht fehlt manchmal die Gegenmelodie des Basses, aber frequenztechnisch wird es so ganz gut abgedeckt, denke ich.

Würdet ihr so weit gehen, die Platte als Konzeptalbum zu bezeichnen, weil das Meer und die Sehnsucht nach der Ferne als zentrale Themen abgehandelt werden?
Plut: Grundsätzlich glaube ich nicht, dass es ein Konzeptalbum im engeren Sinne ist.

Hager: Das ist mehr so passiert, durch Zufall eigentlich.

Plut: Genau. Vielleicht kann man es jetzt im Nachhinein sozusagen als eine Art Konzept interpretieren, aber geplant als Konzept war es auf jeden Fall nicht.

Aber Sehnsucht und Seefahrt spielen eine große Rolle, oder?
Hager: Eigentlich ging es mir mehr um Mythen als um die Seefahrt.

Inwiefern?
Hager: Auch wenn die Titel durch die Seefahrt geprägt sind, tummeln sich in den Geschichten auch Astronauten und andere Superhelden. Unbekannte Terrains üben beim Schreiben einfach eine größere Faszination auf mich aus. Es ist interessanter als über Wien zu schreiben, obwohl das ein schlechtes Beispiel ist, weil Wien – wir sind gerade erst von Graz hierhergezogen – für mich derzeit auch noch ein Mythos ist.
Plut: Ich habe immer eher das Bild des Seemannes mit seinen Gauklergeschichten vor Augen. Das heißt, der Seemann kommt nach langer Fahrt wieder in seine Stammkneipe und beginnt dort zu erzählen, was er während der Zeit seiner Abwesenheit alles erlebt hat. Zu Mythen aufgeblasene Geschichten. Ein kleiner Kutter, der sich als Warship ausgibt…

Wieso seid ihr nach Wien gekommen?
Plut: Wir sind beide gerade mit dem Studium fertig geworden, waren fünf Jahre in Graz.
Hager: Ich bin aus Wels, Paul kommt aus der Obersteiermark. Einen bestimmten Grund gibt es dafür nicht, außer dass der Moment einfach ein guter war, um aufzubrechen. In Graz geht es gerade ein wenig bergab. Viele Veranstaltungszentren sperren entweder zu oder haben mit behördlichen Auflagen zu kämpfen, die es ihnen eigentlich nicht mehr ermöglichen, ein einigermaßen sinnvolles Programm zu veranstalten.

Plut: Etwa das Festival Autumn Leaves, das heuer zum ersten Mal seit zehn Jahren nicht mehr stattfinden wird, weil der Saal plötzlich mehr gekostet hätte als alle Bands zusammen. Gerade die kleinen Vereine, die etwas auf die Beine stellen wollen, werden ziemlich nach unten gedrückt.

Ich sags nur ungern, aber dieses Problem gibt es auch in Wien. 
Hager: Mag sein, aber in einer kleineren Stadt wie Graz empfindet man diese Situation schnell einmal als sehr bedrückend.

Gehen wir zur Dauer der einzelnen Stücke: Die meisten sind sehr kurz. Die Eröffnungsnummer dauert überhaupt nur knappe eindreiviertel Minuten. Ist die Knappheit Absicht?
Plut: Ich bin großer ein Fan dieser Kürze, ja. Das ist vielleicht schon Konzept. Gitarre, Schlagzeug und Gesang. Da kommt man dann schon einmal schnell zum Punkt.

Im Pressetext wird der so genannte „Archetypus“ des Rock angesprochen bzw. die Suche nach ihm. Was bedeutet das für euch? Das heißt, was macht Rock´n´Roll für euch aus? Ist das die Verknappung, die viel zitierte „Gnackwatschn“, wobei man euch sicher Unrecht tut, würde man es darauf verkürzen.
Plut: Die zweite Nummer des Albums und zugleich aktuelle Single, „Could we please all fall in love“, komm diesem Archetypus, oder wie immer man es nennen mag, sehr nahe, finde ich: Ein Riff wird ausgereizt, es gibt einen Akkordwechsel, eine Bridge und zum Schluss noch mal den Refrain. Das war´s. Wenn es einen Archetypus des Rock gibt, dann ist es der für mich. In einigen anderen Songs ist das vielleicht noch extremer, indem es überhaupt nur Strophe-Refrain-Strophe-Refrain gibt.

Keine Bridge?
Plut: Nein, keine Bridge, keine Spielereien. Wenn das Riff so fett ist, brauchst du ja auch alle Finger dafür und hast keine Zeit mehr für eine Bridge. Es geht sich einfach nicht mehr aus, dass ich mit der linken Hand dann auch noch Melodien spiele.

Kann man so sagen, dass du, Paul, Rock-sozialisiert bist?

Plut: Nicht unbedingt, nein. Anfangs ab ich in einer deutschsprachigen Indie-Band gespielt. Dann kam der Jazzrock. Dann gingen wir nach Graz und begannen experimentellen Pop zu spielen mit Texten von anderen Leuten.

Das heißt, auch bei Viech kamen die Texte von Anfang an von anderen Leuten?
Plut: Genau. Das ist kein neues Metier. Bei Viech hat das auch immer schon gut funktioniert, dass wir die Texte von außen nach innen kehren und dann interpretieren.

Und Du, Julia?
Hager: Ich höre sehr gerne österreichische Sachen.

STS und Fendrich?
Plut: Nein, eher Nino aus Wien und Gustav. Und Rock natürlich.

Wird es Viech weiter geben?

Plut: Ja, wir planen gerade eine kleine Deutschland-Tour und im Jänner/Februar geht es dann wieder ins Studio.

Ihr habt für Marta einen sehr professionellen Auftritt: Homepage, Vinyl, CD, Videos, Promo-Arbeit. Habt ihr das aus der Hand gegeben oder macht ihr das alle selber?
Plut: Ich glaube das muss man alles selber machen. Es hat doch keiner mehr die Muße, eine Band aufzubauen. Das ist eine Spielerei, ein zeitintensives Hobby, das ich mir noch leisten kann, weil ich derzeit noch einen Zwanzig-Stunden-Job habe. Derzeit sind es zwanzig Stunden Job, zwanzig Stunden Hobby.
Aber was die Promo angeht, ist unser Label sehr engagiert.

Und fm4?

Plut: Ein kleines Interview kommt. Die erste Single (“Seasick“) war ihnen aber zu hart.

Dachte ich mir. Ich finde sie genau deshalb, weil sie so knapp und hart ist, großartig, und ich glaube, dass es da draußen viele gibt, die das großartig finden werden.
Plut: Danke. Und wenn man die Playlists der letzten Woche  anschaut, keimt doch ein wenig Hoffnung auf: Arctic Monkeys und Arcade Fire. Das ist Rock. Wieso sollten da wir nicht auch einen Chance bekommen?

Gibt es außer Viech und Marta noch weitere Projekte?
Plut: Ein Volksmusik-Projekt noch. Mit luftigen Gitarren, Orgel, Hackbrett und vielleicht sogar Zither.

Geht das eher in die ernst oder in die humoristische Richtung?

Plut: Ich würde schon gerne in die ernste, aber es ist verdammt schwer Songmaterial zu finden, das sich überhaupt zu einer Bearbeitung eignet, weil es einen bestimmten Anspruch hat. Bislang sind das nur wenige Nummern.

Zum Beispiel?
Plut: „In die Berg bin i gern“ und „Von der hohen auf die niedere Alm“. Lieder, die meine Eltern immer sangen.

Gab es bei euch noch richtige Hausmusik?
Plut: Weniger. Gesungen wurde eher beim Wandern.

Deine Sprechstimme und deine Singstimme sind sehr unterschiedlich. Deine Sprechstimme klingt relativ normal, ist bei weitem nicht so heiser wie Deine Singstimme.
Plut: Stimmt. Meine Singstimme ist eine Umformung.

Aber Du musst nicht pressen, oder?

Plut: Doch, schon. Aber ich bin nach einem Konzert nicht heiser. Das heißt, ich habe es im Griff.

Und wie kamst du auf die Idee, so zu singen?
Plut: Aus einer gewissen Unsicherheit heraus. Es fing an, das ich am Badesse Nummern von anderen coverte. Meine Singstimme war mir dabei immer ein wenig peinlich. Ich finde ja auch, dass das eine sehr sensible Sache ist: Die eigene Singstimme. Es ist viel leichter, wenn man sich in einem stärkeren, raueren Bild wieder gibt.

Ein stimmliches Pseudonym quasi?
Hager: Genau. Die Künstlerstimme.

Vielen Dank für das Interview.

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